Litha, die Sommersonnenwende, an diesem Tag hat die Sonne den höchsten Punkt im Jahreslauf erreicht, und zugleich beginnt ihr Rückzug: Die Tage werden langsam und zunächst kaum merklich wieder kürzer. Es ist der Zeitpunkt, auf die erste und nach vorn auf die zweite Jahreshälfte zu blicken.
In der Natur ist dieser Moment nicht nur der Höhepunkt des Lichtes, sondern auch einer des Wandels: Das Wachstum erreicht seinen Gipfel, und die Zeit der Reifung beginnt. Was gesät wurde, tritt nun in eine Phase ein, in der es sich entfaltet, festigt und Früchte trägt. Es ist weniger eine Zeit des Neubeginns als vielmehr eine der inneren Sammlung und bewussten Weiterführung dessen, was bereits entstanden ist.

Wenn das Unverwundbare fällt
Die Hoch-Zeit des Lichtes, der Sonne, ist zugleich der Beginn des Niedergangs des Hellen. Genau dies versinnbildlicht der germanische Mythos von der Tötung des Sonnengottes Baldur. Der Mythos besagt, dass die Göttin Frigg von allem, von Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen und Metallen, Eide schwören ließ, sodass ihr Sohn Baldur durch nichts und von niemandem getötet werden konnte. Die Götter machten es sich daraufhin zum Zeitvertreib, Baldur zu beschießen, zu bewerfen, auf ihn einzuschlagen. Nichts konnte ihm schaden – und das missfiel Loki.
Durch eine List erfuhr er schließlich von Frigg, dass diese von einer Mistel keinen Eid verlangte, weil sie ihr zu jung und zu unscheinbar erschien. Loki machte sich auf, riss den Mistelzweig und kehrte zu dem Treiben der Götter zurück. Dort redete er auf Baldurs blinden Bruder Hödur ein, es den Göttern gleichzutun. Loki reichte Hödur den Mistelzweig und gab ihm Anweisungen, auf seinen Bruder zu zielen. Von dem Geschoss getroffen, fiel Baldur schließlich tot zur Erde. – Der Sonnengott Baldur erfährt in der Blüte seines Lebens den Tod und geht über in das Dunkle, in die Unterwelt – wie eben die Sonne auf ihrem Höhepunkt den Gang zurück ins Dunkle antritt.
Das Spiel der „Lokis“ verstehen
Doch der Baldur-Mythos lässt noch etwas anderes als die mythologischen Ereignisse hinter der Sommersonnenwende erkennen: Es ist die Aufforderung, die Augen zu öffnen und nicht blind zu handeln beziehungsweise sich zu blindem Handeln hinreißen zu lassen. Der Mythos drückt aus, weshalb die „Lokis“ dieser Welt seit je wirken und ihre Ziele erreichen können: wegen des Blindseins des Menschen.
Klarheit im hellsten Moment
Doch die Zeit rund um die Sommersonnenwende trägt auch die Qualität der Klarheit in sich. Das Licht steht am höchsten – und mit ihm die Möglichkeit, Dinge zu erkennen, die zuvor vielleicht im Verborgenen lagen.
Was zeigt sich mir jetzt deutlicher? Wo handle ich aus Gewohnheit heraus, ohne wirklich hinzusehen? Und wo bin ich eingeladen, bewusster zu werden? Was hat sich in meinem Leben in diesem Jahr bereits entfaltet? Was darf nun reifen und was hingegen losgelassen werden? Wo folge ich meinen eigenen inneren Impulsen und wo lasse ich mich – bewusst oder unbewusst – lenken?
Vom Erkennen ins Handeln
Betrachten wir das derzeitige Treiben auf dieser Welt, ist zweifellos festzustellen, dass wir an einem Punkt stehen, an dem das Blindsein endlich dem Augen-Öffnen weichen muss. Getreu dem bekannten Satz von Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ kann jeder immer wieder bei sich selbst schauen, ob er die Spiele, das bunte Treiben „blind“ und ohne zu hinterfragen mitmacht.
Den eigenen Weg gehen, auf sich selbst und nicht auf die „Lokis“ um einen herum zu hören, einen Wandel im Kleinen anzustreben, um im Großen zu wirken, auch daran kann die Sonnenwende erinnern.



