Gedanken zur Wintersonnenwende

Wintersonnenwende – die längste Nacht des Jahres. Im Dunkeln erwacht das Helle. Die Sonne beendet den alten Jahreslauf und erhebt sich kurz darauf wieder zu einem neuen Gang; das Rad des Lebens dreht sich weiter und ruht nur vermeintlich in dieser dunklen Zeit. Äußerlich scheint noch alles in Ruhe zu verharren, doch im Verborgenen setzt bereits Bewegung ein.

Baldur-Mythos: Der Gang des Lichts in die Dunkelheit

Im germanisch-nordischen Mythos steht Baldur unter anderem für das Licht, die Sonne. In der „Edda“ wird berichtet, dass er durch eine List seines Gegenspielers Loki den Tod fand: Ein Mistelzweig wurde ihm zum Verhängnis. Baldur ging hinüber in das Totenreich der Hel.
Sein Bruder Hermod ritt daraufhin neun Tage und Nächte in das Totenreich der Hel, um Baldurs Rückkehr zu erbitten. Ihre Bedingung war, dass alle Dinge der Welt – lebendige wie tote – um Baldur weinen müssten. Wenn jemand sich weigerte, sollte er in ihrem Reich verbleiben. Und tatsächlich taten dies fast alle, ob Menschen und Tiere, Erde und Steine, Holz und Metall. Nur die Riesin Thökk verweigerte sich, und so blieb Baldur im Totenreich – bis zur Götterdämmerung, nach der eine erneuerte Welt entstehen soll. Die Götter vermuteten, dass diese Riesin in Wahrheit Loki gewesen sei, der bereits zuvor durch eine List Baldurs Tod durch den Mistelzweig herbeigeführt hatte.

Baldur und das Jahresrad

Baldurs Schicksal lässt sich als Bild des Jahreslaufs lesen: Der Gott verkörpert das volle Licht des Sommers. Zur seiner Hoch-Zeit, zur Sommersonnenwende, erreicht es seinen Höhepunkt – und zugleich seinen Wendepunkt. Von da an werden die Tage kürzer, die Dunkelheit nimmt zu. Baldurs Tod wird so zum Sinnbild für das schwindende Licht und den Beginn der dunklen Jahreshälfte.
Zur Wintersonnenwende wendet sich der Lauf erneut: Die längste Nacht des Jahres markiert den Beginn der hellen Zeit. Im Verborgenen erwächst ein Neubeginn, im Dunkeln erstarkt das Licht.

Die Zeit der Dunkelheit annehmen

Auf unser eigenes Leben übertragen bedeutet dies: Die Zeit nach der Wintersonnenwende ist noch von Dunkelheit geprägt. Und gerade darin liegt eine besondere Kraft. Sie lädt uns ein, innezuhalten, uns zurückzunehmen, nach innen zu schauen. Die Dunkelheit will nicht überwunden, sondern angenommen werden. Denn im Dunkeln, im Verborgenen, schlummert das Neue; hier liegen die Anfänge der Erneuerung. So wie in der Natur die Keime des kommenden Frühlings längst angelegt sind, entstehen auch in uns neue Gedanken. Wir können uns neu ausrichten und neue Möglichkeiten ausloten. Diese Zeit kann genutzt werden, um Kraft zu schöpfen und das eigene Innere zu erhellen.

Ein Funke für den Alltag

So wie die Sonne am Tag der Wintersonnenwende im Großen sinnbildlich neu geboren wird, so geht sie im Kleinen jeden Tag aufs Neue auf. Es kann hilfreich sein, einen Lichtfunken des Sonnenwendfeuers oder der Sonnenwendkerze bewusst in sich aufzunehmen – als Begleiter durch die Tage und als Erinnerung an das Werden des Neuen.
Denn es wird immer Kräfte geben, die dem Wandel entgegenwirken: immer eine Thökk, immer einen Loki – im Außen wie im Inneren –, die verhindern wollen, dass Neues entsteht. Umso wichtiger ist es, dem Licht nicht nur an einem einzigen Tag im Jahr Raum zu geben, sondern immer wieder.
Die Wintersonnenwende erinnert uns daran: Wandel und Neues geschehen selten plötzlich. Sie beginnen leise, oft im Verborgenen. Und sie brauchen unsere tägliche Zuwendung.

Von Sven Henkler ist weiterführend zum Artikel dieses Buch erschienen:

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... (Jg. 1975) ist seit über 20 Jahren Verleger von Büchern rund um Bewusstsein, Lebensführung, Philosophie und Spiritualität. Seine Leidenschaft gilt Buchprojekten, die zum Nachdenken anregen, Perspektiven erweitern und die Essenz des Lebens erfahrbar machen. In den letzten Jahren ist das Schreiben wieder zu seinem eigenen Ausdruck geworden. Seine Texte handeln von Selbstbestimmung, Naturverbundenheit und der Wirkkraft der Mythologien. Dabei geht es ihm nicht um fertige Antworten, sondern um das Öffnen von Räumen – für Entwicklung, für Tiefe, für ein bewussteres Leben.

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