Vom Wert der Leere

Effizient sein, möglichst viel in wenig Zeit schaffen – ein Credo unserer Gegenwart. Wird an der einen Stelle Zeit „gespart“, wartet bereits etwas, das diese Ersparnis zunichtemacht. Leerlauf ist Schwerlauf; es fällt schwer, die Dinge einfach mal laufen zu lassen, mal nichts zu tun, irgendetwas nicht zu optimieren. Ganz unbewusst und selbstverständlich wird Leere immer wieder gefüllt – beziehungsweise kann sie kaum entstehen, da sich Anforderungen, Verpflichtungen und Erwartungen nahezu unablässig aneinanderreihen. Dann und wann aus diesem Dauerlauf herausgelöst zu sein, führt jedoch selten zu einem Innehalten oder zu einem Finden von sich selbst, da Ablenkungen gesucht und auch gefunden werden.

Viel im Außen, wenig im Inneren

Während die Möglichkeiten im Außen vielfältig und groß sind, herrscht im Inneren oft Enge. Werden keine Räume für eigene Gedanken und Kreativität offen gehalten und eine Zuschüttung mit den Vorstellungen anderer zugelassen, übernehmen zu leicht deren Ansichten das eigene Sein. Gesellschaftliche Erwartungen, wirtschaftliche Logiken und Zwänge oder dauerhafte Krisenerzählungen beginnen unmerklich, den Blick auf das eigene Leben zu bestimmen und dessen Richtung zu beeinflussen. Getriebenheit und Überschüttungen verdecken weiter zunehmend die bewusste Gestaltung des eigenen Lebens.

Warum Leere notwendig ist

Lebensgestaltung braucht Raum im Inneren. Kreativität, Erkenntnisse und Orientierung benötigen Leerräume. Sie entstehen nicht im ständigen Agieren und Reagieren, sondern oft in Momenten, in denen scheinbar nichts geschieht. Inspirationen und lebensbereichernde Gedanken kommen nicht während eines Meetings, vor einem Bildschirm oder zwischen Terminen auf, sondern wachsen auf einem Spaziergang, während einer Zugfahrt, beim Blick aus dem Fenster oder in jenen selten gewordenen Augenblicken, in denen aufgehört wird, etwas erreichen zu wollen.

Die Angst vor der Leere

Leere wird sehr oft als Mangel empfunden, obwohl sie eine der wertvollsten Voraussetzungen für innere Entwicklung ist. Ebenso ist es mit der Langeweile: Sie wird kaum noch ausgehalten, weil etwas im Außen fehlt, das die Aufmerksamkeit bindet. Der „Konfrontation“ mit sich selbst wird lieber ausgewichen.

Distanz schafft Klarheit

Das Ziel ist es nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen oder den Anforderungen des Lebens zu entfliehen. Im Gegenteil: Wer sich bewusst Leer- oder eben Freiräume schafft, wendet sich dem Leben meist klarer und aufmerksamer zu. Distanz schafft Perspektive; auch ein Schritt zurück kann erkennen lassen, wohin es eigentlich geht oder gehen soll.

Raum für das eigene Leben

Wer lernt, Leere auszuhalten, schafft Platz für eigene Gedanken und Vorstellungen davon, wie das wirkliche Leben aussehen könnte, jenseits fremder Lebensentwürfe. Es braucht nicht noch mehr Möglichkeiten, um das Leben zu gestalten, sondern mehr Mut, vom Bestehenden bewusst etwas ungenutzt zu lassen.

Nicht alles muss gefüllt sein

Raum entsteht nicht erst, wenn plötzlich weniger Anforderungen da sind, sondern dort, wo aufgehört wird, jede freie Stelle im Leben sofort wieder zu füllen. Freiheit bedeutet, nicht nur auf das Leben zu reagieren, sondern es Stück für Stück selbst zu gestalten.
Wir müssen nicht jede Lücke sofort schließen, nicht jeden Moment füllen, sondern wieder Räume entstehen lassen, in denen Denken, Staunen, Wahrnehmen und Gestalten möglich werden.

Von Sven Henkler ist weiterführend zum Artikel dieses Buch erschienen:

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... (Jg. 1975) ist seit über 20 Jahren Verleger von Büchern rund um Bewusstsein, Lebensführung, Philosophie und Spiritualität. Seine Leidenschaft gilt Buchprojekten, die zum Nachdenken anregen, Perspektiven erweitern und die Essenz des Lebens erfahrbar machen. In den letzten Jahren ist das Schreiben wieder zu seinem eigenen Ausdruck geworden. Seine Texte handeln von Selbstbestimmung, Naturverbundenheit und der Wirkkraft der Mythologien. Dabei geht es ihm nicht um fertige Antworten, sondern um das Öffnen von Räumen – für Entwicklung, für Tiefe, für ein bewussteres Leben.

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