Das Staunen wiederfinden

Unzählige Blicke waren am 12. August 2026 in den Himmel gerichtet: Der Mond schob sich vor die Sonne, da als teilweise, dort als vollständige Sonnenfinsternis zu sehen. Etwas Besonderes, sehr Seltenes zog die Menschen in seinen Bann, ließ sie staunen und innehalten. Für kurze Zeit wandten sich Menschen dem Universum zu und bestaunten dessen Vorgänge. – Nun, Sonnenfinsternisse sind alles andere als alltägliche Erscheinungen. Doch können wir von diesem zurückliegenden Ereignis nicht mitnehmen, weniger durchs Leben zu eilen und wieder mehr zu staunen?

Eine Weile ohne Eile

Eile mit Weile – oder besser eine Weile ohne Eile? Denn ist es nicht so, dass wir längst in der Eile verweilen? Eile ist jedoch weit mehr als bloßer Zeitdruck, über den so oft geklagt wird, sondern sie ist ein Zustand – ein innerer –, der uns auch dann antreibt, wenn nichts drängt.
Eile prägt den Blick auf die Welt: Dinge oder Zustände werden erfasst und eingeordnet, ohne sie nachwirken zu lassen. Was eben noch gesehen oder wahrgenommen wurde, ist im nächsten Schritt bereits wieder vergessen, ersetzt durch das Nächste, das ebenso schnell vorüberzieht. Der schwedische Schriftsteller Tomas Sjödin erkennt in der Eile gar die „Erzfeindin von Freude und Genuss“, die zudem auch der Gabe hinderlich ist, „die den schönen Namen Staunen trägt“[1].

Vom Verweilen und Erschauen

Staunen braucht Zeit! Davon aber nicht viel, denn es sind Momente des Verweilens, Augenblicke, in denen nichts vorangetrieben werden muss, die das Staunen ermöglichen. Wer eilt, sieht zwar vieles, aber erkennt wenig. Wer verweilt, sieht wahrscheinlich weniger, aber erschaut mehr – und ist öfter erstaunt auch über Gewöhnliches. Wer sich erlaubt zu staunen, entdeckt nicht eine andere Welt, sondern sieht dieselbe auf eine andere Weise. Wer das Staunen (wieder) zulässt, ist nicht naiver, sondern wacher, ist nicht unwissend, sondern bereit, nicht nur durch die Welt zu laufen, sondern ihr wirklich zu begegnen, sich nicht allein von Gewohnheiten bestimmen zu lassen. Aufhören zu meinen, bereits genug oder alles verstanden zu haben, lässt das Staunen-Können wieder wachsen.

Die verborgene Fülle der Welt

Die Welt hat ihren Zauber nicht verloren. Sie ist auch nicht ärmer an Wundern, Überraschungen oder bemerkenswerten Augenblicken geworden als früher. Vieles wird nur allzu oft nicht gesehen oder nicht erkannt; der Blick auf die Welt ist verstellt, Offenheit zugeschüttet mit Erklärungen, Beweisen, Wissen, Bewertungen und vermeintlichen Gewissheiten.
Staunen setzt voraus, dass nicht alles festgelegt ist. Wer staunt, begegnet der Welt nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Fragen. Er lässt sich überraschen, berühren und manchmal auch korrigieren. Staunen öffnet Räume, in denen Neues entstehen kann. Es hält die Wirklichkeit größer als die eigenen Vorstellungen von ihr.

Mit offenen Augen

Es ist nicht die Frage, ob es noch genug gibt, worüber wir staunen können (das gibt es wohl), sondern ob wir oft genug bereit sind, dies zu tun. Es bedarf keiner Sonnenfinsternis, um das Staunen wiederzufinden. Wir müssen nicht auf das Außergewöhnliche warten, sondern das Gewöhnliche wieder mit offenen Augen betrachten. Oft genügt es, einen Augenblick länger hinzusehen, als wir es zumeist tun. Und mit jeder Eile, die wir hinter uns lassen, gewinnen wir ein Stück jener Offenheit zurück, die uns die Welt wieder größer erscheinen lässt, als wir sie zuletzt glaubten – und auch schöner, verletzlicher und schützenswerter.


[1] Tomas Sjödin: „Es gibt so viel, was man nicht muss. Von der Einfachheit des Lebens, des Glaubens und der Liebe“, SCM R. Brockhaus, 2018 (Kindle-Version)

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